Das kleine Mädchen in mir

Es war einmal ein Mädchen, das auf die Frage, ob sie Kinder haben möchte, immer antwortete: „Ja, ich denke schon, irgendwann.“

Als aus dem Mädchen eine Frau in den Mittdreißigern geworden war, bemerkte ein aufmerksamer Mensch: „Entschuldige, aber ganz ehrlich, wann ist denn bei dir „irgendwann“?“

Das Mädchen erschrak. Sie dachte nach und stellte fest: „es ist soweit, ich muss jetzt wohl erwachsen werden.“

Es war einmal ein Mädchen, das wurde Mama, aber mit dem Erwachsen werden wollte es nicht klappen. Das war aber auch nicht weiter schlimm, denn es ging auch so, und das sogar ganz wunderbar. Die Tage lang, die Nächte kurz, zwar anders als vorher, aber was vorher abends statt fand, konnte man jetzt ja auch tagsüber machen: in der Küche tanzen, Freundinnen treffen, lachen, tratschen, albern sein.

Als das Mädchen aber ein zweites Mal Mama wurde, war es plötzlich doch anders. Jetzt musste sie sehr viel koordinieren, organisieren und sich in Geduld üben.

Das Mädchen erschrak. Sie dachte nach und stellte fest: „es ist soweit, nun muss ich wirklich erwachsen werden.“

Es war einmal eine Frau, die hatte viel zu tun. Eine wundervolle, doch sehr zeitaufwendige Aufgabe. Aber diese Frau hatte, so wie manche den kleinen Teufel, ihr altes Mädchen im Nacken sitzen. Dieses Mädchen zauberte eine gewisse Leichtigkeit in den Alltag. Es brachte sie beispielsweise dazu, mit ihren Kindern in der Küche zu tanzen. Dieses Mädchen aber flüsterte der Frau auch irgendwann ins Ohr: „Komm, lass uns mal wieder abends ausgehen, lass uns mal wieder tanzen, Prosecco trinken, Freundinnen treffen, lachen, tratschen, albern sein!“

Die Frau erschrak. Sie dachte nach und stellte fest: „ich will überhaupt nicht erwachsen sein, jedenfalls nicht immer.“

Es war einmal eine Frau, die wollte ausgehen. Doch anders als früher: bewusster, geistreicher und exklusiver. So ein Abend war inzwischen viel kostbarer. Und nun einmal doch auch irgendwie erwachsener. Aber was unternehmen, wohin gehen? In eine Bar? In einen Club? Irgendwie passte alles nicht. Sie wollte lachen, tratschen, albern sein, aber auch Kultur und Unterhaltung erleben.

Die Frau erschrak. Sie dachte nach und stellte fest: „es ist soweit, da es an solch einem Angebot mangelt, muss ich es selber kreieren.

Es war einmal eine Frau, die hörte auf das Mädchen in ihr und gründete den CLUB BOHEME!

Andrea Numsen, Stuttgart 2015